Sonntag, 19. Oktober 2014

Eine Woche voller Sonntage

Bitte seht mir diese grammatikalisch aufregende Konstruktion nach, aber es passte nun mal so schön (der geneigte Leser meiner Generation erkennt hier nämlich die Parallele zu Paul Maars „Eine Woche voller Samstage“). Es waren eher Sonnentage und eigentlich war es zu schön um wahr zu sein. So betrachtete ich den Wetterbericht Anfang der Woche mehr als kritisch, als er von Montag bis Freitag Sonnenschein prophezeite. Denn Sonnenschein ist hier ja im Herbst nicht die Norm – schon gar nicht für eine Woche. Letztlich hatten wir aber richtig schöne Herbsttage.

Allerdings bedeutet das nicht, dass man auf festes Schuhwerk bei Spaziergängen in der näheren Umgebung verzichten sollte. So verließen wir diese Woche spontan die befestigten Wege und landeten im feucht-matschigen Moos. Die Norweger haben wirklich eine andere Auffassung von einem Wanderweg. Ich hatte derweil nicht nur meine Wanderstiefel an, sondern auch gleichzeitig einen Riesenspaß, denn die Gesichtsausdrücke von meinen Mit-Bremern waren unbezahlbar. Wie sie langsam nasse Füße bekamen war zwar sicherlich nicht schön, aber zum ersten Mal war nicht ich derjenige, der sich über den Pfad beschwert.

Svartediket

Am Mittwoch war ich dann aber wieder derjenige, der aufpassen musste. Ich fuhr morgens zum Flughafen und hatte irgendwie das Gefühl, mich beeilen zu müssen. Dabei musste ich aber höllisch aufpassen, denn es war ziemlich kalt geworden und der Boden war teilweise gefroren und dementsprechend glatt. Mal eben übern Parkplatz rennen ist da nicht drin – sonst fällt man auf das Antlitz. Dafür war die Fahrt raus zum Airport sehr schön, als über dem Wasser der Nordsee leichter Dunst lag und sich die Landschaft und Wolken im glatten Wasser widerspiegelten. Interessant war auch die Mentalität der Mitarbeiter des Hubschrauberunternehmens, vor dessen Zentrale ich den Vormittag über mit meiner Kamera lauerte. Es herrschte ein Kommen und Gehen und viele Mitarbeiter grüßten mich freundlich. Dazu muss man wissen, dass Blickkontakt mit Fremden mit das Schlimmste ist, was man den Norwegern in der Öffentlichkeit antun kann. Im Bus ist jeder bemüht, aus dem Fenster oder aufs Smartphone (die Norweger lieben ihr Smartphone) zu kucken. Und gegrüßt wird eigentlich nur bei Wanderungen in den Bergen. Am Airport war es dagegen eine ganz andere Atmosphäre und einer der Mitarbeiter drückte mir sogar noch Einweggehörschutz in die Hand, was in Anbetracht der furchtbar lauten Hubschrauber nicht schlecht war… Die Bilder vom Tag sind übrigens bereits im anderen Blog zu finden!

 Quelle: http://monda.no/ifln/talking-to-strangers/ Mondå by Julien S. Bourrelle

Abends ging es dann noch ins lang erwartete Konzert in der Grieghalle. Zum Beginn der 250. Spielzeit der Bergenser Philharmonie gab es ein kostenloses Konzert nur für Studenten. Und was soll ich sagen? Solch festlich-bourgeoise Veranstaltungen liegen mir, zumal das Konzerthaus von innen sehr schick ist. Aber auch so ein Orchester macht schon etwas her, wenn der Dirigent seine Rhythmusgruppe stilvoll auffordert, sich zu erheben und wenig später im Takt zu Edvard Griegs „Per Gynt“ die Hüften schwingt. Absolutes Unverständnis hatte ich dagegen für die Spanierinnen in der Reihe vor uns, die sich während des Konzerts immer wieder unterhielten oder verzweifelt versuchten, ihr Handy mit dem WLAN zu verbinden. Allein schon!



Am Donnerstag entschieden wir uns spontan für einen abendlichen Spaziergang zum Fløyen. Ich wollte sowieso immer noch ein Bild von Bergen im Dunklen machen und da am Dienstag das Nordlicht in Bergen sichtbar war (wir es aber alle verpasst haben), hatten wir die leichte Hoffnung, dass sich der Himmel erneut grün färben würde. Daraus wurde leider nix, doch der abendliche Ausflug war dennoch großartig, auch wenn ich mit meinem kleinen Stativ zu kämpfen hatte. Aber egal. Der Ausblick war der Hammer, einfach wunderschön.

Ulriken

Fløyen

Ulriken


Sunset behind Lyderhorn

Bergen at night

Good night, Bergen!

Am Samstagabend war ich noch bei einem kleinen Konzert. Es war kostenlos und so musste man ja förmlich hin. Am Ende war ich aber sehr begeistert, denn auch wenn die Folk-Band aus Bergen nur für 30 Minuten spielte, war es doch eine richtig gemütliche Atmosphäre in diesem Plattenladen, der zugleich eine Bar beherbergte. Irgendwie erinnerte mich das an die Mumford and Sons Bookshop Sessions. Draußen regnete es derweil in Strömen. Abgesehen von uns vier Austauschstudenten waren aber sonst überwiegend Norweger vor Ort, sodass auch das Bier zu norwegischen Preisen verkauft wurde – oder wie Espen sagen würde: „they're earning shitloads of money with us!“ 



Heute war dagegen der allgemeine Tag der Faulheit. Glücklicherweise ging es vielen hier ähnlich wir mir. Ida beschloss schließlich, dass sie sich damit abfinden würde, dass sie an diesem Sonntag nichts mehr geregelt bekäme und kaufte uns stattdessen zwei Berliner!!! Herrlich. Ich glaube meine Mitbewohner haben mich langsam durchschaut. ;-)

Achso: In die Uni musste ich zwischendurch auch. Diesmal wieder mit dem Professor, der bereits zu Beginn einige Sitzungen abgehalten hatte. Wenn ich ihn auf der Straße treffen würde, hielte ich ihn mit seiner Lederjacke und den stark nach hinten gegelten Haaren aber wahrscheinlich eher für einen Türsteher. War aber dennoch ne gute Vorlesung, schon deshalb, weil er uns Süßigkeiten von seinem Aufenthalt in den USA mitgebracht hat. Er weiß eben auch, womit wir zu ködern sind....

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