Samstag, 9. August 2014

The journey begins...

Abschied ist das Gegenteil von Anschied, sagte einst Heinz Erhardt. Ein wenig veräppelt fühlte ich mich aber auch, als ich mit meiner Reisetasche (auf die ich meine dicke Winterjacke geklemmt hatte, die natürlich nicht mehr reinpasste und so als Handgepäck flog) und meinem Trolley (auf dem die Notebocktasche geklemmt war, die auch proppevoll gestopft war, denn Handgepäck wird ja nicht kontrolliert), in Bergen ankam. Nach knapp einem halben Jahr Vorbereitung, ging es nun am Dienstag endlich los. Dank meines günstigen SAS-Jugendtickets, buchte ich ohne mit der Wimper zu zucken noch ein zweites Gepäckstück hinzu. Soweit so gut. Nur war das ganze wahnsinnig unhandlich und mit offiziell 46 Kilo (+8kg Handgepäck) auch recht schwer. Merke: Weniger ist mehr. Mit SAS ging es über Stockholm-Arlanda zum Flughafen Bergen-Flesland. 




Kaum war ich im Stadtzentrum angekommen, hatte ich mich gleich verlaufen. Dabei versuchte ich nur verzweifelt, meine Taschen in einem der Gepäckfächer am Busbahnhof unterzubringen. Das natürlich, als ich mich endlich durchgefragt hatte, zum Schnapperpreis von 60 Kronen pro Fach. Macht bei zwei Fächern 120 Kronen, oder bummelig 14 Euro. Leider ist mein Gehirn aber in jenem Moment nicht darüber gestolpert... Immerhin konnte ich dann leichter bepackt meine Zimmerschlüssel in der Zentrale des Studentenwerks abholen. Dort traf ich sogar noch eine Südtirolerin, die auch PoWi im 5. Semester studiert. Gemeinsam warteten wir, bis wir endlich an der Reihe für die Schlüsselübergabe waren. Weil sie aber in einer WG direkt in der Stadt wohnen sollte, trennten sich unsere Wege schnell wieder und ich eierte mit meinen Koffern zur Bushaltestelle, um zu meinem Wohnheim zu bekommen. Ganz intuitiv bin ich sogar an der richtigen Haltestelle ausgestiegen. 

Kaum angekommen im vierten Stock des Hauses, schlug meine Vorfreude und Nervösität der letzten Tage spontan in Ernüchterung um. Zwar habe ich einen tollen Ausblick aus meinem Fenster, aber dafür würde dem Zimmer eine Renovierung ganz gut tun. Den eigentlichen Herzkasper bekam ich aber erst kurz danach, als ich das Gemeinschaftsbadezimmer und die Gemeinschaftsküche sah. Man kann sie wohl guten Gewissens als „grob vernachlässigt“ bezeichnen. Für die Bremer: Die Küche steht in puncto Sauberkeit jener in Dennys WG in nichts hinterher. Auf einem Brot wieherte der Schimmel fröhlich in blau, grün und weiß, die Regalböden sind bisweilen eingestaubt und behaart. Vom Boden fange ich mal lieber nicht an. Zudem scheint man recht tierlieb zu sein. Zumindest die drolligen Drosophila-Fliegen dürfen sich hier ganz frei entfalten. Und dazu: keine Menschenseele in Reichweite.
Ich beschloss, mit dem Auspacken noch etwas zu warten und einen kleinen Streifzug durch die vierte Etage anzutreten. Ob das hier überall so aussieht? Nun, nicht unbedingt. So manche Küche war sauber, aufgeräumt und nett. Schließlich traf ich auf einen gesprächigen Norweger, von dem ich erfuhr, dass viele Bewohner noch im Urlaub sind und erst später anreisen. Er beschrieb mir auch gleich den Weg zum nächsten Supermarkt.


Später traf ich auf einen Mitbewohner, Chao aus China, der seit einem Jahr in Bergen studiert und sich Essen kochte. Er gab mir den Hinweis, dass es besser sei, das Geschirr abzuwaschen, bevor man es benutze… Trivial – aber vielleicht (über)-lebensnotwendig. Einen Putzdienst gibt es wohl – aber offensichtlich nicht zurzeit. Dafür stehen drei Mülltüten hübsch nebeneinander aufgereiht. Ich sag mal so, irgendwann laufen die sicherlich auch von allein nach unten zum Mülleimer.


Übrigens: Eigentlich sollte eine IKEA-Tüte in einem kleinen Storage-Room auf mich warten. Voller Hoffnung auf ein Kissen und eine Bettdecke, die mir Nora unter anderem dortgelassen hatte, begab ich mich auf Schatzsuche. An der Tür beppte dann ein Zettel. Aha. Hätte ich ihn gelesen, wäre ich vorgewarnt gewesen. So wählte ich munter jenes Tor, wohinter der ZONK steckte: Drei Mülltüten, um die einige Fliegen kreisten. Auf dem Zettel stand übrigens, dass jemand dort eine Tüte mit einigen Kissen und Haushaltskrams verstaut hatte, die samt einer anderen Tüte mit Bettzeugs (das war wohl meine) nun verschwunden sei…

Glücklicherweise kam Ida am zweiten Tag, eine Austauschstudentin aus Schweden, die Musik studiert. So konnten wir nicht nur gemeinsam zur Einführungswoche der Uni hingehen, sondern ich bin nun nicht mehr ganz so allein auf meinem Flur und im Kampf gegen den Dreck. Drei Zimmer sind übrigens noch leer. In den beiden anderen wohnen ein fertiger Jura-Student auf Jobsuche und ein Geologie-PhD-Student. Beide trifft man aber selten an. 

Ich glaube, für nächste Woche leite ich mal eine Putzinquisition ein. Es fehlt auf meinem Flur echt an Putzmitteln. Und es gibt einen Staubsauger. Wahrscheinlich wird er wenig benutzt, weil er nicht sonderlich gut saugt, dauernd auseinander fällt und beim Starten eine kleine Staubwolke aufsteigt. Aber das Kabel einziehen - gerne auch ungefragt - funktioniert ganz ausgezeichnet! Also nicht, dass jemand sagt, ich sei hier nur am nörgeln…

Ach...noch was positives fürs Ende. Mein Ausblick ist ganz großartig. Ich kucke auf Berge, bunte Häuser, Wasser und Teile der Innenstadt. Und jeden morgen kann man bei den großen Kreuzfahrtschiffen der Cunard Line odervon Costa die Schornsteine erkennen. Beim Rausfahren hört man sie tuten und blickt gleichzeitig dem Sonnenuntergang entgegen.



1 Kommentar:

Dedl hat gesagt…

Na, so 'ne B-737-600 sieht man ja schließlich nicht alle Tage, Dein Studentenzimmer ist normaler nordischer Standard aber der Ausblick ist ja allererste Sahne. Wie soll man denn da beim "Studieren" noch Lesen?

Dedl

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